Die ARD-Dokumentation „Der Guru und die Deutschen“ über die Sannyas-Bewegung vor rund 25 Jahren hat mich sehr bewegt. Die Aufbruchsstimmung, der unbändige Wille und Einsatz für eine neue Idee sowie die spätere Enttäuschung sind hier sehr berührend dargestellt.

Der Bericht hat mich an meine eigenen Gemeinschafts-Erfahrungen erinnert. Zwar war ich damals nicht bei den Sannyasins zu Hause ─ diese erschienen mir als „zu unpolitisch“, doch war ich lange Zeit mit viel Herzblut in ähnlich gestrickten Gruppen dabei.

Gemeinschaften, die sich mit den tiefen Sehnsüchten des menschlichen Lebens befassen und dafür ein Gefäß schaffen, halte ich für dringend notwendig. Sie können großartige Entwicklungsmöglichkeit bereithalten. Aber sie haben auch Schattenseiten.

Mitläufer

Vor Jahrzehnten war ich Teil einer größeren Gemeinschaft mit ca. 60 aktiven Personen. Mit vielen lobenswerten Zielen und Konzepten ausgestattet, arbeiteten wir tagein tagaus mit Herzblut am Aufbau einer funktionierenden, sexpositiven, ökologischen und ökonomisch sinnvollen Community.

Natürlich gab es eine Hierarchie in der Gruppe.

Wir veröffentlichten sogar das Ranking der einzelnen Liebhaber und stellten sie in eine Reihe auf. Dies war für die jeweiligen Personen ab Platz Drei ein äußerst demütigendes Verfahren. Aber das Loblied auf Transparenz, Wahrheit und Ehrlichkeit war eine heilige Kuh.

Über all den Kühen stand eine Kommandozentrale samt unausgesprochenen aber für alle eindeutig sichtbaren Chef. Didi war der von allen akzeptierte Leader.

Karl, genannt Kalle, war zu der Zeit mein Hauptgeliebter. In den achtziger Jahren war er als Erster bei den Grünen und heute ist er bei den Linken zu finden. Mit der Muttermilch hat er offenbar seinen ewig kritischen Geist eingesogen. Damals zeterte er auf einer gemeinsamen Autofahrt gegenüber dem Oberhaupt unserer Gemeinschaft. Als er einmal seine Kritik öffentlich vor versammelter Mannschaft anbrachte, versank ich fast im Boden vor Scham und war mir nicht sicher, ob das der richtige Mann für mich ist. Ich war so linientreu, dass es kaum auszuhalten war.

Heute lachen er und ich lauthals über die vergangenen Ereignisse. Das Nachbeten der Doktrinen und bestimmter Slogans wie „Ein Junge, der ein Mädchen küsst, kann kein Kaninchen umbringen“.

Oder der gebetsmühlenhafte sich wiederholende Satzanfang im fast weinerlichen Tonfall vorgetragen: „Aber der Didi hat gesagt…“

All die abenteuerlichen Erlebnisse werden zu geteilten Anekdoten, die uns wie ein weiches, straffes Band umschlingen und uns durch die Jahre freudig verbinden.

Insofern weiß ich sehr gut, was es bedeutet Mitläufer zu sein. Und in erschreckender Weise bin ich damit nicht allein. In der Schule hatte ich mich immer gefragt wie Menschen beim „Nationalsozialismus“ einfach mitgelaufen sind und scheinbar blind die absurdesten und grausamsten Handlungen ausführen konnten. Es ist aber gar kein so großes Rätsel. Und beim genauen Hinsehen vielfach sichtbar.

Mein Fazit: Menschen können aus den allerbesten Motiven Gruppen bilden, die meist nach denselben Mustern funktionieren und am Ende oft nicht mehr erfüllen, wozu sie angetreten sind.

Angst als Bindemittel

Dem animalischen und archaischen Impuls sich anzupassen, nicht aus der Gruppe herauszufallen, da dies eine existenzielle Bedrohung ist, steht nur das kritische Denken gegenüber. Liegt dieser Geist der Wachsamkeit durch Projektionen der Kindheitsgeschichte im Koma, dann wird auf die nächstbeste Führungsperson, meist ein außerordentlicher Narzisst – der allwissende Papa – projiziert. Das eigene Selbst ist hoffnungslos „verloren“. Währenddessen ist man überzeugt von der eigenen Unabhängigkeit, die allerdings eher einem gemütlich grasenden Schaf auf der Wiese entspricht.

Jedes in Frage stellen wird mit Parolen und oft nicht nachprüfbaren Argumenten gekontert wie „du bist noch nicht so weit, du bist halt zu gepanzert, du zeigst dich nicht wirklich, du hängst nun einmal in alten Strukturen fest, du kannst eben die Wahrheit noch nicht erkennen“ oder „das ist alles nur dein Ego“ und ähnliches.

Immer wieder verhindert die Angst, aus der Gruppe herauszufallen, das eigenständige Denken.

Das Forcieren und die Erzeugung dieser Angst sind das beste Bindemittel, um einen Führer oder eine Führungsriege hochleben zu lassen.

Angst ist eines der äußerst ungeliebten Gefühle und wird im Alltagsgeschehen selten direkt bewusst wahrgenommen. Die unterdrückte Angst zeigt sich beispielsweise in unlogischen Übersprungs-Handlungen. Diese sollen den Stress abbauen, führen aber oft zu ungünstigen Reaktionen. So verschleiert z. B. die innere Hast und ein immer schneller werden oder sprechen die eigene Wahrnehmung. Verwirrtheit, Coolness, Überheblichkeit, Arroganz, Distanziertheit, Kloß im Hals oder ein Abtauchen in den Verstand, welcher das Gegenüber galant auf eine andere Fährte führt, sind oft gewohnte Lösungsversuche, um mit der plötzlich aufschießenden Emotion umzugehen.

Einige schafften es in kunstvoller Weise eine neue Maske der scheinbaren Authentizität aufzubauen, die den Richtlinien der Gemeinschaft entsprach. Sie flogen galant unter dem Radar. Für andere wie auch für mich waren die internen Zusammenkünfte der Gemeinschaft der blanke Horror und ein extremer Stressfaktor.

Es war ein Experiment und wie bei allen Experimenten verlief nicht alles glatt. Es steckte damals in den Kinderschuhen und keiner war versiert im Umgang mit Gefühlen.

In meinen Tantra-Workshops und insbesondere durch die bioenergetische Körperarbeit lässt sich üben, Gefühle wie z. B. Angst sehr fein, selbst in den Ansätzen wahrzunehmen. Genauso aber dürfen die Gefühle innerhalb des sicheren Rahmens in ihrer Intensität und Kraft gefühlt werden. So erobert man sich seine kraftvolle Handlungsfähigkeit zurück und lernt auf eine souveräne Art Grenzen zu setzen.

Abwehr der Angst

Gerade Ängste können grundsätzlich vielfältig sein. Insbesondere die Menschen, die alles gern perfekt machen wollen, sind die geborenen Zulieferer des Systems. Andere, die schon seit Kindheitsbeinen gewohnt sind, ihre Gefühle herunterzuschlucken, werden auch hier kaum Irritationen oder gar ein leichtes „Nein“ wahrnehmen können. Da wo das Kind schon nicht geborgen und sicher war, erhebt sich nun die Gemeinschaft zum Schutzschild, unter dem es Zuflucht gibt. In kindlicher Bewunderung frisst sich der hörige Geist gierig fett und rund, um in einer Reihe zu tanzen und sich in Verbundenheit zu suhlen. Dazu kommt das Credo, dass „Wir- Gefühl“, welches vermittelt, besser zu sein als „die Anderen“. Das Herabschauen auf die Anderen bis zum sich komplett fremd fühlen in der sogenannten „normalen Welt“ wird zum Markenzeichen. Unterschiede werden nicht einfach wahrgenommen, sondern werden benutzt, um sich selbst besser zu fühlen und das Gegenüber zu degradieren.

Wenn der Selbstwert aufgrund der persönlichen Geschichte eh klein ist und nie Blüten tragen durfte wird die Gruppe samt Ideologie zum Erlösungsinstrument und die Bestätigung zum Lebenselixier.

Folgend entsteht eine immense Abwehr gegenüber anders Denkenden, gepaart mit der notwendig kräftigen Dosis Herabsetzung.

Frauen halten die Fahnenstange

Frauen neigen dazu, durch romantische Bilder die Wahrheit zu verkennen und sich mit der Grandiosität des Mannes zu schmücken. Das gibt ihm freie Hand zur Ausübung von Macht. So wird er zum Märchenstar in einer sich wiederholenden Serie.

Im Laufe der Zeit treffe ich in verschiedenen Gruppierungen bis heute häufig auf ähnlich gut funktionierende Muster:

Ein Mann ist umringt von Frauen, die ihn bewundern, ihn stützen, bestätigen und mit Sex beglücken. Die Papa-Projektionen laufen und der Mann wird zum Superstar. Oft wird das Blaue vom Himmel herunter erzählt und eine Art Erlösungsphilosophie verkauft. Es werden Worthülsen, benutzt die nicht nachprüfbare Ergebnisse versprechen. Das Leben verwandelt sich in ein außerordentliches Märchen mit sexuellem Touch. Des Kaisers neue Kleider werden oft erst spät entlarvt und manchmal mit rasender Wut und Racheaktionen von den einstigen Untertanen verfolgt.

Am schwersten ist es dabei, sich selbst zu verzeihen.

Das Ringen um die Liebe, die Projektionen auf den Einen/die Eine und das innere Herausfallen aus dem göttlichen Zustand der Verbundenheit mit dem Sein sind der Nährboden für Gewalt, Depressionen und jede Art von Unmenschlichkeit.

Im heilenden Gegensatz dazu erinnert das Tantra, so wie ich es in meinen Kursen vermittle, in Kombination mit Körperpsychotherapie daran, eigene Bedürfnisse fein zu spüren und sich nicht selbst zu verleugnen. Es bietet einige Wegweiser zur Zerstörung der Illusionen, um am Ende des Tunnels des begrenzten Ichs dem Licht des Seins mit Heiterkeit zu begegnen.