Neulich schaute ich mit Begeisterung die spannende und zeitgeschichtlich sehr interessante dritte Staffel der ARD Serie „Berlin-Babylon“. Eine kurze Szene in der dritten Staffel (Folge 24, Min. 16) stellt sehr präzise und klar eine im Mann/Frau-Kontakt häufig beobachtbare versteckte Verachtung dar:

Die sehr kluge und redegewandte Tochter des Heerführers sitzt dem Oberregierungsrat Wendt gegenüber. Er steht auf sie und versucht sie in ein Gespräch in einer Bar zu verwickeln:

Sie: „Worüber reden wir“?

Er: „Über Wirtschaft und Politik, aber das ist sicher nicht ihr Fachgebiet.“

Sie: „Aber mein Steckenpferd.“

Er: „Was sagen Sie zur Entwicklung der deutschen Wirtschaft?“

Sie: „Die deutsche Wirtschaft wird den Bach runtergehen.“

Er: „Ach, tatsächlich?“ (grinst!)

Sie bemerkt in Windeseile die Verachtung im körperlichen Ausdruck und in der Art seiner Reaktion. Sie kontert mit Demaskierung und schießt den Ball zurück:

„Wenn Sie mich von oben herab behandeln, dann können wir das Gespräch auch beenden!“. Er: „Ich hab Sie doch nur angelächelt … Wieso meinen Sie, ich wäre arrogant?“

Er verteidigt also sein falsches Lächeln und entlarvt sich mit der Aussage selbst.

Sie war wachsam und hat ihren Selbstwert geschützt. Die Kraft der Göttin Kali war in ihr präsent und sie hat sie genutzt. Doch so gegenwärtig zu sein, Degradierung und untergründigen Zorn wahrzunehmen und handlungsfähig zu bleiben, ist für viele Frauen immer noch schwierig. Versteckte Aggressivität im Gegenüber wahrzunehmen ist insbesondere schwer, wenn es uns frühzeitig abtrainiert wurde.

Wo der Wind der Verachtung weht, lauern Angst, Projektionen, Zynismus und Selbstsabotage.

Kulturgeschichtlich sind Frauen gewohnt, zurückzustecken, sich zu benehmen, brav zu sein, Ärger und sogenannte negative Gefühle runterzuschlucken, um zu funktionieren. Vielen ist die Bestrafung ihres Zorns aus ihrer persönlichen Geschichte bekannt. Mit Sätzen wie „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!“ „Sei brav!“„ Benimm Dich!“ oder „Nun lach doch mal!“ sollte das spontane Empfinden des Kindes zurechtgerückt werden. Es wundert also kaum, wenn als Ergebnis einer solchen Unterdrückung die Wahrnehmungsfähigkeit der eigenen Gefühlswelt stark getrübt ist.

Häufig fehlen dann in Situationen, in denen der Wind der Verachtung weht, die Worte, oder sie bleiben im Hals stecken. Der natürliche Selbstausdruck kollabiert in die innere Erstarrung.

Im Alltag gehen ungeliebte, unterdrückte Gefühle, Zorn, Wut und Hass, vielfach Hand in Hand mit Angst und Schuldgefühlen. Doch das Unbewusste möchte immer wie ein Fisch an die Oberfläche, um Luft zu schnappen, um sich selbst zu erkennen und sich zu fühlen. Was auf natürliche Weise keinen Ausdruck finden kann, erscheint häufig in Verkleidung von Zynismus oder Selbstsabotage.

Heimtücke unter dem Kleid der romantischen Liebe.

Eine weitere Möglichkeit des Erlebens der heruntergedrückten Gefühle ist das Heranziehen von äußeren Situationen, um sich darin selbst zu spiegeln. Solche Projektionen lassen sich zum Beispiel in destruktiven Beziehungen beobachten. Liebe und Lust werden hier verknüpft mit einem Partner, der das Gegenüber eindeutig schlecht behandelt. Das Geschehen mag vom Kleid der romantischen Liebe umhüllt sein, im Untergrund wabert jedoch eine Mischung aus Schuldgefühlen und projizierter Wut. Der Selbstbestrafungsakt entlädt den inneren Druck. Man bestraft sich selbst durch das sogenannte Pech in der Liebe.

Versteckte Wut zeigt sich häufig gekoppelt mit Sadismus, welcher mit einer gewissen Lust einhergeht, oft verkleidet als vermeintlicher Scherz, der beim Gegenüber anstelle ein lautes Lachen nur ein ungutes Gefühl hinterlässt. Wie ein ungebetener Gast inmitten der Party bewegt sich die Verachtung selbstbewusst, fast unsichtbar und heimtückisch durch die Beziehung.

Auch der Wert der Ehrlichkeit kann Beziehungen unterwandern und als „Ohrfeige“ benutzt werden, z. B. mit dem Auftakt „Schatz, ich muss Dir etwas beichten…“, ohne Rücksicht auf Verluste, die Situation und Verfassung der anderen Person. Das kostbare Gut der Wahrheit kann als Messer der versteckten Rache dienen, um sich u. a. von Schuldgefühlen zu befreien. Getarnt unter dem Mantel der Offenheit und des angeblichen Vertrauens wird der Akt gerechtfertigt mit einem: „Ich bin halt ehrlich“. Doch: Nur weil die Verpackung schillert, ist nicht alles gut gemeint.

Wo die Wut gestaut ist, funktioniert das Leben nicht.

Eingefrorene Wut versteckt sich im Alltag hinter Grübeleien, Verwirrung, Resignation und trotzigem Aushalten. Sie hält davon ab, klar zu sehen und Dinge zu benennen. Stattdessen entstehen Wiederholungsschlaufen des Leids, Re-Inszenierungen des Kindheitsdramas und immer wieder die Aussage „Ich liebe ihn/sie doch“. Dies ist sicher zutreffend, kostet aber viel Lebensenergie und minimiert den ohnehin angeschlagenen Selbstwert nur weiter.

Auch Selbstsabotage tritt in verschiedenen Varianten auf und äußert sich zum Beispiel darin, Dinge nicht zu Ende zu bringen, immer wieder im Zweifel zu landen oder gebremster die Tatkraft. Physisch sitzt die brave Zurückhaltung dann oftmals in der Kehle und im Bauch.

Die unterdrückte Energie kann sich körperlich in die Organe entladen, z. B. als Autoimmunerkrankung oder Verdauungsstörung, und was in jüngeren Jahren noch kompensiert oder durch die Abwehrschicht blockiert werden konnte, wird im höheren Alter zur porösen seelischen Zementschicht. Die Selbstsabotage wird zu einer Form der Selbstzerstörung und Bestrafung in Form von Krankheit, finanziellen Verlusten oder Ähnlichem. Der Gedankengang „Ich bin es nicht wert, nicht gut genug“ wirkt als zerstörerische Selbstprophezeiung. Doch das Leiden wird immer noch besser bewertet, als den Zorn auszuleben.

Viele Menschen bemerken ihre Wut erst, wenn der Dampfkochtopf überkocht. Doch dann ist es meistens schon spät, da die Reaktion überschießt. Ziel einer Bewusstseinsarbeit ist es, die Ansätze, das Auftauchen leichter Wut immer rascher zu bemerken und gleichzeitig der auftauchenden Angst entgegenzuwirken. Sobald dies erlebbar ist, lassen sich die versteckten Gefühle verstehen. Die einzelnen Puzzlestücke finden zueinander. Wut kann ohne zerstörerisch zu sein, eine adäquate Form des Ausdruckes finden, sodass sie als geradlinige, lebendige Kraft im Sinne der Göttin Kali erfahrbar wird.