Zum Umgang mit Übergriffen

Was bedeutet „Übergriff“ eigentlich?

Die deutsche Sprache ist so wunderbar, denn sie besteht oft aus zwei Teilen, die das Wort oder die Handlung erklären: Hier haben wir „Über“ und „Griff“, d. h., jemand geht über meine Grenzen und greift körperlich nach mir.

Ich erinnere mich an eine Situation vor vielen Jahren, in der ein Klient mir beim Abschied an der Tür übers Gesicht streichelte. Diese kurze Geste kam so schnell und scheinbar aus dem Nichts, dass ich sie erst realisiert hatte, als es schon vorbei war. Seine Hand war schon wieder unten, als ich ihn entsetzt und wütend anstarrte und fragte, was das jetzt soll. Er bemerkte meinen plötzlichen Unmut ihm gegenüber und antwortete, das wäre „doch nur nett gemeint“. Ich hätte ihn gern gefragt, ob er seine Frau auch wie einen Hund behandelt, dem man mal eben kurz über den Kopf streichelt, schob ihn
aber stattdessen aus der Tür.

Ich war sehr jung, und meine Frage hat ggf. für kurzfristige Irritation gesorgt, aber ihn in seinem Verständnis nicht erreicht.

Wie gehe ich mit solchen Übergriffen um?

Es ist wichtig, dass wir lernen, wie wir mit erotischer Energie am Arbeitsplatz umgehen können, ohne dabei die Grenzen anderer zu überschreiten oder selbst Opfer von Übergriffen zu werden. Hier sind einige Ideen, wie man sich dagegen wehren kann:

  1. Stoppen: direkt

    Wie geht das? Setze klare Grenzen: Wenn du das Gefühl hast, dass jemand deine Grenzen überschreitet, sei mutig und sage es direkt. Sprich laut und deutlich aus, was du nicht akzeptierst, und fordere Respekt ein.

    Wenn du in deinem Körper mit Selbstbewusstsein zu Hause bist, dann ist die einfachste Antwort:

    „Stopp! Das machen Sie nie wieder!“

    Direkter Augenkontakt ist dabei Voraussetzung – ebenso das Gefühl, in der eigenen Kraft beheimatet zu sein. Ein Befehl ohne Erklärung ist oft die beste Ansage für jemanden, der wenig Einfühlungsvermögen für das Gegenüber oder wenig Bewusstsein über die eigenen Handlungen hat.

  2. Querschläger: unerwartet schräg oder humorvoll den Ball zurückspielen

    Manchmal kann es hilfreich sein, einen unerwarteten und humorvollen Kommentar abzugeben, um die Situation zu entschärfen. Das kann dazu beitragen, den Angreifer aus dem Konzept zu bringen und dir Zeit zu geben, um angemessen zu reagieren.

    Beispiel: Die Antwort meiner Kollegin – und ihrer Herkunft entsprechend als kleines, freches moldawisches Mädchen – wäre in Anbetracht des Geschehens:

    „Und jetzt? Soll ich Ihnen an die Eier fassen, oder was?!“

    Wird dies nicht mit Humor aufgenommen und das Gegenüber reagiert genauso plump wie vorher, dann lässt sich mit der ersten Stopp-Variante antworten: Da ist die Tür!

  3. Ausweichen

    Falls du die Handlung siehst oder ahnst, bedeutet das: körperlich auszuweichen – aus dem Schussfeld gehen, einen Schritt zurückmachen bzw. die Hand des Gegenübers vor der Berührung greifen und herunternehmen.

    Mit angemessenem Schmunzeln lässt sich hier etwas sagen wie:

    „Die lassen Sie besser bei sich!“

    Der „Angriff“ ist damit im Vorfeld abgewehrt.

    Bestenfalls: Vermeide unangenehme Situationen. Versuche vorauszusehen, wann eine unangenehme Situation entstehen könnte,
    und weiche ihr aus. Geh weg oder halte Abstand von Personen, die dich belästigen könnten.

  4. Unterstützung suchen

    Wenn du dich belästigt fühlst oder Opfer eines Übergriffs geworden bist, suche Unterstützung bei Kollegen, Vorgesetzten oder HR-Abteilungen.
    Es ist wichtig, dass solche Vorfälle ernst genommen und angemessen behandelt werden.

Heiliger Zorn?

Es ist selbstverständlich, dass Übergriffe ärgerlich machen. Die entstehende Wutkraft hilft dabei, Grenzen zu setzen und für das eigene „Nein“ einzustehen.

Der direkte Ausdruck von Wut als Emotion („Was soll das denn? Haben Sie nicht alle Tassen im Schrank? Blöder geht’s wirklich nicht…“) entlastet zunächst das eigene Nervensystem, bringt aber das Gegenüber meist in eine Enge, in der er/sie sich ohnehin schon befindet.

Am Arbeitsplatz z. B. herumzuschreien, ergibt sich meist aus einer Not, die Emotion entladen zu müssen, und ist – vielleicht noch gegenüber Vorgesetzten – sowieso keine gute Lösung.

Im Zweifel für den Angeklagten?

Bestenfalls kann man davon ausgehen, dass Übergriffe aus Unwissenheit geschehen.

In manchen Kulturen ist die gezielte Herabsetzung von Frauen eine bewusste Strategie. Viele Religionen bauen auf Unterdrückung auf, was bedeutet, dass viele Menschen gar nicht gelernt haben, mit sexueller oder erotischer Energie umzugehen. Auch in unserer Kultur herrscht immer noch viel Unsicherheit bezüglich dieses Themas – und ein guter, humaner Umgang ist rar.

Zusätzlich sind Menschen „Gewohnheitstiere“ und geben oft genau das weiter, wie sie behandelt worden sind. Das heißt: Eigene Verletzungen werden abgespalten. Daraus kann sich Folgendes entwickeln: Anstatt jemals wieder Opfer zu sein, entscheidet sich der Mensch unbewusst für die scheinbar stärkere Position. Durch Übertragung und das Wiederholen von

Mustern wird das ehemalige Opfer zum Täter. So kann eine coole, narzisstische Fassade entstehen, die Macht zum eigenen Zweck nutzt.

Manchen Menschen macht auch einfach etwas Spaß, was sich auf der Gegenseite überhaupt nicht gut anfühlt. Das ist besonders prekär bis bösartig und braucht eine direkte Antwort zur Unterbrechung des Geschehens.

Tantra und Grenzen

Wie kann es gelingen, in der eigenen Kraft zu bleiben und trotz allem ein wohlwollendes Miteinander zu erschaffen?

Tantra unterstützt dabei, die eigenen Grenzen wahrzunehmen, da kontinuierlich eine feine, differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit über den Körper erlernt wird.

Das fortdauernde Üben der Zentrierung hilft, bei sich selbst und in seiner Kraft zu bleiben, anstatt sich auf die angebotene Ebene zu begeben und aus Verteidigungsgründen schimpfend, beleidigend und respektlos dem anderen gegenüber zu werden.

Denn genauso blitzschnell wie der Übergriff stattfindet, übernimmt oft auch die eigene Wut: So wird z. B. das Gegenüber abgewertet, beleidigt (als „alter weißer Mann“ o. Ä.). Der Abwehrmechanismus der Abwertung ist psychologisch zwar eine Entlastung und eine Möglichkeit der Selbstregulation, gehört aber absolut nicht an den Arbeitsplatz.

Tantra und Frieden

Menschen lernen über Erfahrung. Bestenfalls entwickelt das Kind in der Familie durch Geborgenheit, Respekt und tatkräftige Liebe der Eltern ein stabiles Selbstwertgefühl und ein Gespür für Grenzen.

Nicht immer ist dies der Fall. Doch durch tantrische Methoden kann es wieder erlernt werden. Ebenso wachsen das Selbstwertgefühl und die Kraft, zu sich selbst zu stehen.

Gelingt es, diese Stabilität aus Mitgefühl zu erzeugen, so geht damit auch ein Gefühl des inneren Friedens und der Entspannung einher.

Es entsteht Wohlwollen und eine Wahrnehmung des „Eingebettet-Seins“, ein Gefühl der Verbundenheit mit sich selbst und anderen Wesen. Es entsteht die Gewissheit, sich nicht selbst verlassen zu müssen und damit in der eigenen Kraft zu bleiben. So kann es besser gelingen, sich durch andere „nicht aus der Mitte“ werfen zu lassen und spontan gut zu agieren.

Und selbst wenn eine nicht ganz so „geschmeidige“ Reaktion erfolgt, lässt sich dies im tantrischen Sinne nicht als Fehler, sondern eben auch als eine besondere Erfahrung des Lebens betrachten.

Business und erotische Energie?

Die Lebensenergie eines jeden Menschen drückt sich auch durch sein erotisches Wesen aus – d. h., die erotische Energie muss nicht verbannt werden. Denn eine sterile Atmosphäre bietet keine Basis für freudige Zusammenarbeit und Kreativität.

Der Umgang mit sinnlicher Energie und der respektvolle Ausdruck eines erotischen Impulses können wieder erlernt werden.

Erotische Energie kann sich respektvoll und freudig äußern, sodass ein Lächeln auf dem Gesicht des Gegenübers entsteht – anstelle des zerknirschten Zähne-Zusammenbeißens.

Fazit

Tantra kann uns dabei helfen, unsere eigenen Grenzen wahrzunehmen und in unserer Kraft zu bleiben. Durch eine feine Wahrnehmung über den Körper können wir lernen, uns selbst zu schützen und gleichzeitig ein wohlwollendes Miteinander zu schaffen.

Es ist wichtig, dass wir lernen, mit unserer erotischen Energie respektvoll umzugehen und sie nicht zu unterdrücken. Eine offene und freudige Atmosphäre am Arbeitsplatz kann die Basis für gute Zusammenarbeit und Kreativität sein.

Letztendlich geht es darum, in unserer eigenen Kraft zu bleiben und gleichzeitig Mitgefühl und Respekt gegenüber anderen zu zeigen. Nur so können wir ein harmonisches Miteinander schaffen und Übergriffe vermeiden.

Die Schulung der differenzierten Selbstwahrnehmung auf heitere Art und Weise sowie der Zugang zur eigenen Power sind die Grundlagen in folgenden Seminaren:


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