Der Begriff „Liebe“ wird im Allgemeinen auf Personen bezogen und hat eine sehr exklusive Note. Ist es möglich, die Essenz dieses Gefühls auszudehnen und gerade in schwierigen Situationen dadurch getragen zu werden?

„Ausdehnen“ meint hier, den Fokus nicht nur auf ein Objekt zu richten, sondern wie den Blick nach allen Seiten auszurichten, um das Gesamtbild und den Raum dazwischen wahrzunehmen.

Akzeptanz und Ablehnung

Die meisten Menschen möchten „gut sein“, etwas Wertvolles in die Welt setzen oder ihren Job gut erledigen. Die eigenen Werte sind wichtig. Und dann gibt es da „die anderen“. Die wiederum auch glauben, dass sie das Richtige und damit „Gute“ tun, auch wenn es uns überhaupt nicht so erscheint.

Zusätzlich erfordert Zeitdruck oft eine verheerende Geschwindigkeit, Entscheidungen zu treffen, Dinge zu erledigen, mit Veränderung umzugehen und auf Unerwartetes zu reagieren.

Extrem schwierig wird es, wenn wir das faktische Geschehen komplett ablehnen.

Üblicherweise reagiert das Nervensystem mit Stress auf diese Situationen:

Du willst Grenzen ziehen, den/die Mitarbeiter*in entlassen, „damit nichts zu tun haben“, du verurteilst heftig das Verhalten des Gegenübers.

Gelingt es aber auch, mitten im Wirbel der Ereignisse innerlich einen Raum von Akzeptanz und Stille zu betreten, der die Geschehnisse „umfasst“ als Ausdruck des lebendigen Seins?

Dies steht nicht im Widerspruch dazu, klare Entscheidungen zu treffen.

Meine Geschichte

Neulich hat sich ein Mitarbeiter verabschiedet. Die Nachricht traf mich völlig aus heiterem Himmel. Ich erfuhr erst hinterher, dass es schon lange geplant war und er nur den für ihn richtigen Moment wählen wollte, der leider so gar nicht meiner Vorstellungswelt entsprach.

Es fühlte sich an wie ein Schlag in den Magen.

Ich war fürchterlich aufgebracht und sauer: Es war schon spät am Abend und statt einer Reaktion entschied ich mich, erst mal zu einem Spaziergang durch den Park nebenan. Während des Laufes realisierte ich: Alles war noch da, die Bäume, die ich kannte, die kreisenden Fledermäuse über dem kleinen Teich, die unaufgeräumten Wege und der sommerliche Geruch der Blüten.

Auch in mir war alles noch da: der Ärger, die Aufregung, die Schuldzuweisung, die Traurigkeit, die gnadenlose Enttäuschung. Alles, womit ich mich in dem Moment identifizierte.

Auf der körperlichen Ebene konnte ich spüren, dass sich mein Körper, nachdem er sich wie mit einer heftigen energetischen Welle konfrontiert hat, durch das Laufen langsam wieder entspannte.

Ich hielt einen Moment an. Neben dem Aufruhr tauchte eine Stimme der Intuition auf, die trotz allem bestätigte, dass alles gut ist. Dass es gehalten ist. Ich lief weiter und spazierte plötzlich auf einem Teppich des Vertrauens. Ich lauschte den nächtlichen Geräuschen und versuchte, alle gleichzeitig wahrzunehmen. Es war dieser Moment der Gleichzeitigkeit, der mich plötzlich in einen Zustand von innerer Stille katapultierte. Es war ein Gefühl, wie auf einem hohen Berg zu stehen und die Situation zu betrachten, doch ohne gefühlte Distanz. Etwas schaute aus meinen Augen in die Dunkelheit und erkannte das Leben als solches in den verschiedenen Facetten des Seins. Ich nahm einen tiefen Atemzug und entspannte mich weiter in diesen Zustand.

Neben dem Ärger, dem Frust, der immer noch wie an meiner Seite mitspazierte, tat sich überraschend ein Feld der Wahrnehmung auf, welches jenseits aller Urteile war. Es war nichts darin und dennoch enthielt es alles. Ich war so erstaunt und überrascht über den Wandel, dass ich beinahe laut loslachen musste. Das Lachen machte das Herz leicht und ein süßer Mantel der Liebe begann, sich über alles hinweg auszubreiten.

Menschenliebe

Ich entschied mich am nächsten Morgen, keinerlei Entscheidung aus Rache zuzulassen, sondern die Situation nüchtern und adäquat zu behandeln.

(Es gibt wissenschaftliche Forschungen, die unterstreichen, dass Entscheidungen in entspannteren Momenten weitaus besser sind als in einer stressigen Situation.)

Später tauchten die alten Gefühle mehrfach auf, die wie Wellen gegen den Bug schlugen. Dennoch konnte ich spüren, dass das Boot, in dem meine Persona saß, auf dem großen, weiten Meer (der Endlosigkeit) des Lebendigen dahinschipperte und getragen war von einer Essenz, die man Liebe nennt.

Es gibt ein Gewahrsein über die persönliche Ebene hinaus, das uns trägt und manchmal unverhofft wie ein glücklicher Zufall im Leben erscheint, der in einem Moment die Zusammenhänge des Geschehens komplett beleuchtet, sodass einem das Herz aufgeht.

Dieser Zustand kann die Basis für eine Führung sein, die die Fähigkeit besitzt, ihre Aufmerksamkeit in Präsenz wandern zu lassen.

Damit verliert sich der Fokus auf das Gegenüber als wandelndes Problem auf zwei Beinen und die Situation kann mit dem entspannten Auge der Menschenliebe betrachtet werden.